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Wie aus einem Hasenspiel ein Kinderbuch wurde

Seit mehr als 90 Jahren begleitet der bekannte Bilderbuch-Klassiker große und kleine Leser. Nun wurde die Fortsetzung der beliebten Bilderbuchreihe „Ferien in der Häschenschule“ entdeckt, in der sich alles um die herrliche Ferienzeit dreht.
1922 erschien das erste Buch „Die Häschenschule“ von Albert Sixtus und Fritz Koch-Gotha. Über die Jahre sind viele Geschichten um den Hasenjunge Fritz und seine Familie veröffentlicht worden: „Der Häschen-Schulausflug“ (1930) von Albert Sixtus und den Illustrationen von Richard Heinrich und „Ein Tag in der Häschenschule“ (1947) von Anne und Rudolf Mühlhaus.
Jetzt ist ein Manuskript aufgetaucht, das circa Ende der 1940er Jahre entstanden ist und noch nie veröffentlicht wurde: „Ferien in der Häschenschule“ von Anne und Rudolf Mühlhaus. Doch wie genau entstand eigentlich die Häschenschule und was bewegte Albert Sixtus diese lustigen Vers-Geschichten zu schreiben?

Der Kinderbuchautor Albert Sixtus überlegte sich für seinen Sohn eigene Hasengeschichten, die aus einem lustigen Kinderspiel entstanden! Hier erfahrt ihr, wie die weltberühmte Häschenschule geboren wurde!

Als Albert Sixtus im Alter von 26 Jahren schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zu seiner Familie zurückkehrte, wollte er ein neues Leben beginnen, endlich als Lehrer arbeiten und viel Zeit mit Frau und Kind verbringen. Außerdem wollte er sich wieder auf sein Talent des Dichtens besinnen, das er nach eigenen Aussagen von beiden Eltern geerbt habe. Humorvoll bekennt er später: „Ich darf also für meine lasterhafte Veranlagung, schönes weißes Papier durch darauf geschriebene Reime unbrauchbar zu machen, mildernde Umstände in Anspruch nehmen.“

Damals ahnte Sixtus weder, dass er durch seine Kriegsverletzungen keinen schmerzfreien Tag mehr erleben würde, noch welch großes persönliches Leid ihm der nächste Weltkrieg bringen sollte. Dennoch stand er zu diesem Zeitpunkt kurz vor seiner großen Karriere als Kinderbuchautor. In den nächsten 30 Jahren sollten über 50 Bilderbücher, Märchenbücher und Jugendromane von ihm veröffentlicht werden.
Als Sixtus 1922 in Kirchberg (Sachsen) in der Nacht zum 30. April seine ersten Verse für ein Hasenbilderbuch niederschrieb, dachte er nicht im Traum daran, dass diese zu einem der erfolgreichsten Bilderbücher aller Zeiten werden würden: „Die Häschenschule“

Albert Friedrich Sixtus wurde am 12. Mai 1892 im sächsischen Hainichen geboren. Schon im Schulkindalter entwickelte Sixtus Talent zum Schreiben. Als einer seiner Lehrer ein paar Skizzen mit gedichteten Zeilen von ihm entdeckte, gab er sie ihm lächelnd mit den Worten zurück: „Der Sixtus, ei, der ist an Künsten reich – ein Maler und ein Dichtersmann zugleich!“
 

Von 1912 bis 1915 arbeitete Sixtus als Vikar und Hilfslehrer. Während dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau Milda geb. Preußger kennen. 1915 trat er eine Stelle als Lehrer an der Städtischen Realschule in Kirchberg an. Im Frühjahr des gleichen Jahres heiratete er, und am 26. Dezember wurde sein Sohn Wolfgang geboren.
Trotz seiner Ausmusterung aufgrund einer starken Kurzsichtigkeit verpflichtete man Sixtus am 12. Dezember 1915 zum Militärdienst und schickte ihn ein Jahr später an die Front nach Verdun in Frankreich.

Die Zeit nach seiner Rückkehr beschreibt Albert Sixtus in seinen Memoiren:

„Drei Jahre war mein Junge geworden, als ich heimkehrte. Mit ihm erlebte ich meine eigene Kinderzeit aufs Neue. Wolfgang wollte, wie alle Kinder, immer wieder Märchen hören, am liebsten solche von Heinzelmännchen oder Hasen. Von Hasen gibt es nicht sehr viele Märchen. Woher nimmt man neue, wenn die selbst erfundenen nicht mehr ausreichen? Da besuchte uns im Jahre 1921 die Schwester meiner Frau (…). Für unseren Märchenprinzen Wolfgang begann, als sie bei uns weilte, eine goldene Zeit. Schon in der Morgendämmerung holte er das Tantchen aus dem Gastzimmer, und dann begannen die wunderbarsten, aufregendsten Hasenspiele. Meine Frau war die Hasenmutter, Wolfgang das Hasenkind, Martha der Hasenlehrer und ich der böse, böse Rotfuchs, der fürchterlich bellen und fauchen konnte. Herrliche Hasengeschichten sind damals erdacht und mimisch dargestellt worden. Ich sehe es noch wie heute, wenn unser Junge die Zeigefinger an die kleinen Ohren hielt und wie ein Hase damit wackelte, sobald der Rotfuchs ein verdächtiges Knurren hören ließ.
Dieses Hasentheater muss wohl stark in mir nachgewirkt haben, denn ein Jahr später – am 30. April 1922, einem Sonntag – schrieb ich in später Nachtstunde meine ersten Kinderverse nieder und gab ihnen den Titel ‚Die Häschenschule‘. Die Verse purzelten mir nur so aus der Feder. Alles rundete sich wie von selbst zu einem Ganzen. Ich hatte, als das Gedicht um Mitternacht fertig vor mir lag, das Gefühl, dass man als Verfasser leider nur selten hat: Diesmal ist dir wirklich etwas gelungen! (…)
Es entstanden damals Verse für 10 verschiedene Szenen aus dem Schulalltag. Dieses Exemplar des ersten Entwurfs in 10 Strophen schickte ich am 1. Mai 1922 nach Leipzig an den Alfred Hahn’s Verlag.
Der Verlagsinhaber Dr. Sell wünschte fünf Strophen mehr und sandte das Manuskript mit folgender Bemerkung an mich zurück: ‚Es werden gebraucht 15 Bilder und ein Innentitel. Da nur zu 10 Bildern Verse vorhanden, müssen noch fünf neue hinzukommen: z. B. vielleicht Malstunde mit Eieranmalen, Arbeit im Schulgarten, Saubermachen der Schule, Strafstunde, Heimweg mit einigen Zwischenfällen, etc.‘
Ich schob folgende Strophen ein: ‚Malstunde‘, ‚Strafstunde‘, ‚Im Schulgarten‘, ‚Angetreten!‘ und ‚Auf dem Heimweg‘, die ich am 29.5.22 verfasste und am 15. Juni 1922 zum 3. Male umarbeitete.“

Noch im Sommer 1922 fragte der Alfred Hahn’s Verlag bei dem damals schon sehr populären Zeichner Fritz Koch-Gotha an, ob er die Illustrationen zu einem Hasenbilderbuch übernehmen könne.
Fritz Koch-Gotha, der am 5. Januar 1877 geboren wurde, besuchte ab 1884 Grundschule und Gymnasium. 1895 schloss er die kaufmännische Berufsschule ab und studierte von 1895 – 99 an den Kunstakademien in Leipzig und Karlsruhe. Danach war er freiberuflich in Leipzig für Postkartenverlage und lithografische Reproduktionen tätig. 1902 zog er nach Berlin und veröffentlichte bis 1904 humoristische Pressezeichnungen. Später arbeitete er für die „Berliner Illustrierte Zeitung“ und den Ullstein Verlag. Er avancierte zum bekanntesten und beliebtesten Zeichner Berlins und sagte selbst von sich: „Es gibt viele Köche, aber eben nur einen Koch-Gotha.“ Auf der Suche nach neuen Herausforderungen löste er 1922 seinen festen Vertrag mit dem Ullstein Verlag auf. In diese Zeit fiel seine Umbenennung in Koch-Gotha, weil es in Berlin so viele Maler und Zeichner namens Koch gab. Die Anfrage des Alfred Hahn’s Verlages sah er damals sicher als willkommene Herausforderung. 1923 zeichnete er zu den vorliegenden Versen von Albert Sixtus geniale und für ein Kinderbuch dieser Zeit ungewöhnliche Bilder. Mit seinem karikaturistischen Talent brachte er eigene, den Text ergänzende Ideen ein, deren viele kleine Details eher dem Erwachsenen auffielen, der sich noch gut an seine Schulzeit erinnern konnte.

Das Bilderbuch stellt ein Paradebeispiel für den sogenannten Anthropomorphismus dar, die Übertragung von menschlichen Eigenschaften und Handlungen auf Dinge oder Tiere. Obwohl bereits der griechische Dichter Äsop 600 v. Chr. in seinen Fabeln Tiere sprechen ließ und sich seitdem unzählige Autoren dieses literarischen Mittels bedient hatten, kam solch ein erfolgreiches Buch wie „Die Häschenschule“ den Kritikern als neuerliches Futter gerade recht. Die Kritik hielt sich bis heute durch alle Jahrzehnte. Banal sei das Buch und fragwürdig, ein Missbrauch der Natur, eine Beleidigung für Mensch und Tier gleichermaßen.
Außerdem kreidete man Koch-Gotha die Rohrstockszene an und
bezeichnete Maler wie Dichter als Verherrlicher des Prügelpädagogen-tums. In den letzten Jahrzehnten richtete sich die Kritik allerdings vermehrt gegen das nostalgische Element des Buches und stempelte es als unzeitgemäß, angestaubt und altmodisch ab.

Doch ständig steigende Verkaufszahlen beweisen das Gegenteil und verdeutlichen eine andere Sicht auf „Die Häschenschule“, nämlich die der Liebhaber alter Bilderbücher. Köstlich in Reim und Bild sei sie, mit gediegen karikierenden Zeichnungen und adäquat gereimten Versen, lustig, anständig und lehrhaft, harmonisch und in bester Busch-Tradition.
So liebten und lieben noch heute sowohl Kinder als auch Erwachsene „Die Häschenschule“. Die Verse sind einfach und mit spielerischem Humor durchsetzt. Sie entsprechen dem kindlichen Gemüt und Verstand und sind für das Kind sehr einprägsam.

Die erste wie auch die folgenden Auflagen erschienen mit schwarzem Titel. Erst die 6. – 10. Auflage war hellblau und ist es bis heute geblieben. Einige Auflagen erhielten einen Schutzumschlag. Bis Mitte der 30er Jahre wurde der Text in Fraktur, ab der 26. Auflage verstärkt in Antiqua und ab der 51. Auflage hin und wieder in Sütterlin gedruckt.

Die Originalzeichnungen und Druckplatten wurden während des Zweiten Welt-
krieges 1943 vernichtet. Die Auflage bis Kriegsende kletterte auf etwa 388.000. Fritz Koch-Gotha zeichnete daraufhin neue Bilder, die nach Kriegsende verwendet wurden. An den um 1947 neu entstandenen Entwürfen wirkte auch der Leipziger Grafiker Kurt Wasser durch Anfertigung der Konturpausen nach vorhandenen Drucken mit. Dabei verzichtete man auf den Stock des Lehrers. Nach 1945 bis 1951 wurde das Buch noch in Ost und West verlegt, nach dem endgültigen Weggang des Alfred Hahn’s Verlages aus Leipzig 1953 nur noch in der BRD.

Sixtus und Koch-Gotha sind sich nie begegnet. Wie ein Brief von Sixtus an Koch-Gotha belegt, hätte er gerne ein weiteres Buch mit ihm zusammen herausgegeben. Dieser Wunsch ging für den Autor jedoch nie in Erfüllung. Allerdings gelang dies aus bis heute nicht zu klärenden Gründen Sixtus’ Bruder Walter Andreas, der sich nach dem Erfolg der Häschenschule ebenfalls als Dichter betätigte und in Sixtus’ Fahrwasser zwei Bilderbücher mit Koch-Gotha-Zeichnungen veröffentlichte. Davon erfuhr Albert Sixtus erst in den 50er Jahren nach dem Tod des Bruders. Aber das war nicht die einzige Enttäuschung, an der Sixtus schwer zu tragen hatte. Nur ein einziges seiner Bücher erlebte in der DDR eine Neuauflage, und für neue Bilderbuchideen fand er keinen Verleger.

Ein glücklicher Ausgang wie in der Häschenschule-Geschichte mit einer vereinten Familie am Tisch war Sixtus jedenfalls nicht vergönnt. Nach dem Krieg litt er zeitlebens unter Schmerzen und hoffte viele Jahre vergeblich auf die Heimkehr seines einzigen Sohnes aus dem russischen Feldzug. So starb er 1960 im Alter von 68 Jahren als gebrochener Mann.

Sixtus hatte sich nie als Künstler betrachtet, sondern eher als ein Kinder liebender Mensch, erziehend und achtend, sowohl im Alltag als auch in seiner Berufung als Dichter und Schriftsteller. Der Autor Georg W. Pijet zählte Albert Sixtus zu den begabtesten und erfolgreichsten Jugendschriftstellern der Weimarer Zeit. Er attestierte ihm ein Gefühl für echte Kindertümlichkeit, gepaart mit dem tiefen Anliegen für alles Gute und Schöne im Menschenleben. Gorkis Wort, dass man für Kinder besser und wahrhaftiger schreiben müsse, sei ihm stets ein Leitspruch gewesen.

Erst nach der Wiedervereinigung in Deutschland erlebte das Bilderbuch „Die Häschenschule“ einen neuen Höhenflug. Die Auflage stieg von Jahr zu Jahr. 1998 erschien das Buch erstmals in italienischer Sprache „La scuola dei leprotti“ und 2005 auf lateinisch „Lepusculorum Schola“. Dem aus Deutschland stammenden Übersetzer Roland Freischlad ist es zu verdanken, dass das Buch 2009 in einer weitestgehend originalgetreuen Übersetzung mit dem Titel „The Rabbit School“ auch ins Englische übertragen wurde. Mittlerweile ist eine russische, japanische und eine weitere englische Ausgabe erschienen. Außerdem werden derzeit zwölf Mundartübersetzungen angeboten. Auch auf CD und DVD werden Hasenhans und Hasengretchen für ihre kleinen und großen Fans hör- und sichtbar.
2014 feiert „Die Häschenschule“ ihren 90. Geburtstag. Sie hat heute einen festen Platz unter den Bilderbuch-Klassikern und wird hoffentlich auch in Zukunft viele Kinderherzen höher schlagen lassen, bei Erwachsenen Erinnerungen an ungetrübte Kindheitstage wachrufen und das Anliegen von Sixtus und Koch-Gotha über Generationen weitertragen.

Ulrich und Beatrix Knebel,
Albert-Sixtus-Archiv, Kottmar

Den noch erhaltenen schriftstellerischen und
privaten Nachlass bewahrt das Albert-Sixtus-Archiv:

www.albert-sixtus.de

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