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Ein Sciene-Fiction-Roman ohne Aliens? Autor Rolf von der Reith im Gespräch

Autor Rolf von der Reith erzählt euch im Interview, warum er Star Wars nur bedingt mag und warum es in seinem neuen Buch keine Aliens gibt.

„Monddämmerung“ ist Ihr erstes Jugendbuch. Wie fühlt sich das an, sein Buch in den Händen zu halten?

Mit einem Wort: großartig. Das ließe sich wahrscheinlich nur noch steigern, wenn Hollywood das Buch verfilmt, ich irgendwann die Dreharbeiten besuche, im Studio in der Kulisse der Mondbasis stehe und George Clooney Leo spielt.

Sie schreiben seit vielen Jahren als Journalist für verschiedene Medien, darunter als Redakteur für eine Familienzeitschrift. War es schwierig, für das Buch vom berichtenden ins erzählende Fach zu wechseln?

Ganz und gar nicht – schwierig war eher die Rückgewöhnung. Fakten können ganz schön lästig sein. Sachen zu erfinden ist dagegen ein Spaziergang.

Sie haben ein spannendes Setting für Ihre Geschichte gewählt – eine Basisstation auf dem Mond in nicht allzu ferner Zukunft. Sind Sie Science-Fiction-Fan?

Ein ganz klares Jein. Ich konnte mich nie mit „Star Wars“ und „Star Trek“ anfreunden, die für so viele andere ja prägende Erlebnisse waren. Ich bin erst viel später dahintergekommen, warum mich „Ich bin dein Vater, Luke“ und „Beam mich rauf, Scotty“ kalt gelassen haben. Viel interessanter als den intergalaktischen Glamour finde ich den Alltag im All (kein Wortspiel beabsichtigt). Der kommt normalerweise bei Science Fiction nie ins Bild, weil alle immer mit schrecklich wichtigen Missionen beschäftigt sind oder damit, einander umzubringen. Aber es muss ja auch jemand auf der „Enterprise“ oder auf dem Todesstern die Klos putzen. Wenn es für diese Umkehrung der Perspektive eine Inspiration gab, dann war das am ehesten noch der erste „Alien“-Film – bevor das Monster kommt, versteht sich. Denn der Anfang des Films, an Bord des gammligen Erzfrachters, zeigt sehr schön die ganz normale Arbeitswelt der Zukunft.

Auf Außerirdische trifft man aber nicht. Warum haben Sie sich dafür entschieden, den Ort der Handlung möglichst realistisch zu halten?

Genau – es tauchen in „Monddämmerung“ mit voller Absicht weder Monster noch Aliens, Laserschwerter, Einhörner und Feen auf. So etwas gibt’s in meinem Universum nicht, und zwar aus dem Grund, weil es das alles nicht gibt. Was an Waffentechnik oder Kommunikationsmitteln vorkommt, sind eher Fortschreibungen von dem, was bereits existiert, aber eben keine puren Erfindungen, die sich einen Dreck um die Gesetze der Physik scheren.

In Ihrem Buch klingt auch Politisches an – die Mondbasis wird von China und Indien verwaltet. Wenn Sie in die Zukunft blicken, wie wird sich Ihrer Ansicht nach die weltpolitische Lage verändern?

Wenn ich das wüsste ... Ich habe einfach mal spekuliert, aber vielleicht ist das Ergebnis gar nicht so weithergeholt. Nämlich, dass im Jahr 2039 China und Indien global das Sagen haben, während die Industriestaaten des Westens, Russland und Afrika zu Randzonen degradiert wurden, nachdem sie die Internetkriege der 2020er-Jahre verloren haben. Deswegen bekommen Europäer wie Leo auch nur niedere Jobs wie den als Klempner, während die Führungsebene fest in chinesischer und indischer Hand ist. All das sollte fürs erste im Hintergrund bleiben – man hat als Leser ja schon genug damit zu tun, sich auf der Mondbasis zurechtzufinden. Aber natürlich kann die weitgehend ausgesparte Vorgesichte später noch einmal eine größere Rolle spielen. Wofür hat denn zum Beispiel Meister Li seinen ganzen Orden bekommen? Und warum hält Mikhail es für besser, auf der Mondbasis unterzutauchen?

Mit welcher Ihrer Figuren würden Sie sich am meisten identifizieren?

Au, das ist gar nicht so einfach. Wenn ich witzig drauf bin, würde ich wohl sagen: Charme D’Antan. Ich hatte auch mal, glücklicherweise nur kurz, so eine Chefredakteurin. Es muss einfach unglaublich Spaß machen, sich immer im Recht zu fühlen, andere nach Belieben zusammenzuscheißen und damit auch noch durchzukommen. Die wirklich ehrliche Antwort auf die Frage kann aber nur sein: Tessa. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt, und wenn ich mich mit ihren Gefühlen und Handlungen nicht identifizieren würde, hätte das Ganze nicht funktionieren können.

Wie würden Sie Tessa beschreiben? Sie ist, zumindest zu Beginn, eine eher zurückhaltende und gar nicht so toughe Heldin ...

Anfangs passiert ihr vieles einfach, das stimmt. Aber sie ergreift im Verlauf der Geschichte eben auch die Initiative, wenn es nötig ist. Und dabei entdeckt sie ein Selbstvertrauen, von dem selber nicht wusste, dass sie es hat. So gesehen, handelt und denkt sie wie jedes 16-jährige Mädchen es tun würde, das im Jahr 2039 auf der Mondbasis lebt... Sie besitzt eben keine exotischen oder übersinnlichen Fähigkeiten – und entpuppt sich auch nicht, so viel kann man verraten, als Auserwählte, die von irgendwelchen höheren Mächten dazu ausersehen wurde, die Menschheit vor der Auslöschung oder wovor auch immer zu bewahren.

Auch Musik spielt in „Monddämmerung“ eine entscheidende Rolle. Verraten Sie uns, was so alles in Ihrer Plattenkiste zu finden ist?

Ich überlege krampfhaft, ob ich irgendeinen Musiker nennen kann, der nicht schon die 50 überschritten hat... Aber es ist ja nun einmal so, dass man von der Musik, die einen als Teenager geprägt hat, auch später nicht mehr loskommt. Ein paar bleibende meiner Vorlieben (in keiner bestimmten Reihenfolge genannt) sind The Smiths, The Beautiful South, Talking Heads, Pixies, Throwing Muses und Placebo – amerikanisches und englisches Indie-Zeugs halt. Ah, Wikipedia verrät mir gerade, das Leslie Feist, die ich großartig finde, erst 39 ist. Puh!

Wie soll man sich die Musik von Waynes Band Purple Toupet vorstellen?

Ich behaupte, dass man im Jahr 2039 gar nicht so grundsätzlich andere Musik hören wird als heute. Wayne steht da ganz klar in der Tradition des Independent-Rocks. Als Junge hatte er bestimmt ein Poster von Kurt Cobain überm Bett (auch wenn er den Bandnamen aus einem Song von They Might Be Giants geklaut hat). Bei der Beschreibung seiner Songs hatte ich einen Sound im Kopf, bei dem die E-Gitarre durchaus einmal dreckig und verzerrt klingt, aber nicht direkt nach Grunge – und schon gar nicht nach Hard Rock. Ein Sound wie der der sehr empfehlenswerten amerikanischen Indie-Rock-Band Spoon kommt dem, wie Purple Toupet klingen werden, schon ziemlich nahe.

Gibt es einen besonderen Grund, dass Sie uns ausgerechnet ins Jahr 2039 schicken?

Knapp 25 Jahre in die Zukunft vorausgeblickt, ist eine gerade noch überschaubare Periode. Ich fand außerdem die Idee charmant, dass Tessas Eltern, die 2039 Erwachsene sein werden, heute genau im Alter der jugendlichen Leser sind. Das schafft, wenn man den Gedanken weiterspinnt, noch ein höheres Identifikationspotential: Wie werde ich im Jahr 2039 denken? Wie wird es mir gehen? Werde ich im Weltall leben?

Wie geht es weiter? Schreiben Sie schon am nächsten Buch?

Es ist ja keine der Hauptfiguren umgekommen; insofern sind sie alle noch für einige weitere Abenteuer gut ... Vor allem aber ist die Geschichte von Wayne und Tessa ja noch nicht auserzählt; im Gegenteil, sie steht – nach einer Woche, die sie sich überhaupt erst kennen – noch ganz am Anfang. Und in mancher Figur, die bislang nur eine Nebenrolle hatte, steckt noch einiges an Potential. Bei Meister Li zum Beispiel, der ja auch nicht immer bloß gütig sein kann; und was hinter der so professionellen Oberfläche von Becky Sharp vor sich geht, weiß man auch noch nicht. Und dann ist auch noch die Frage offen, ob Waynes Ex-Freundin Isla es sich einfach so gefallen lässt, dass er ihr abspenstig geworden ist...

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Rolf von der Reith

Monddämmerung

2039: Die 16-jährige Tessa sitzt in der Raumfähre zum Mond. Mit einer Tasche voll Klamotten und ihrer Schildkröte zieht sie bei ihrem Vater Leo ein, der auf der permanenten Mondbasis Mao-Gandhi II als mehr ...

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