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Otfried Preußlers Geschichten-Schatz

Generationen sind mit den Geschichten von Otfried Preußler groß geworden und verbinden viele Kindheitserinnerungen mit seinen Büchern. Wir sind dankbar für sein großartiges Lebenswerk, das hoffentlich weiterhin Generationen begeistern wird. Lest hier mehr über Otfried Preußler und die Entstehung seiner Geschichten.

Lieber Herr Preußler, Ihr erstes Kinderbuch war „Der kleine Wassermann“, veröffentlicht 1956. Wie kam es dazu, dass gerade der Thienemann Verlag sich Ihres Manuskriptes annahm?

Das war ein Gnadenakt. Ich habe es ursprünglich woanders angeboten und zurückbekommen mit der Bemerkung: „Märchen sind nicht gefragt. Schreiben Sie Umweltgeschichten.“ Die guten Leute hatten offenbar nicht kapiert, dass „Der kleine Wassermann“ eine Umweltgeschichte vom reinsten Wasser ist, nur eben verfremdet in der Spiegelbildlichkeit der Wassermannwelt. Später wurden in jenem Hause ganze Generationen von Lektoren dazu vergattert, niemals voreilig etwas zurückzuweisen. Dann habe ich das Skript zu Thienemann geschickt. Da blieb es erst einmal neun Monate liegen, bis man mich endlich wissen ließ, man wolle es versuchen. Na gut, dann hat man es versucht, und dann wäre der kleine Wassermann fast auf die Nase gefallen. Die Frau Gebhardt-Gayler hat zusammen mit mir debütiert – es war ein Glücksfall – und sie hat konsequenterweise das Titelbild, das den kleinen Wassermann auf dem Karpfen Cyprinus reitend zeigt, mit einem leichten Grünstich versehen, um zu zeigen, dass es sich um eine „Unterwasseraufnahme“ handle. Das ergab eine merkwürdige Hautfarbe für den kleinen Kerl und – Sie wissen, die Branche ist böse – bald erhielt er den Spitznamen „kleine Wasserleiche“.
Nun, dem Glücksfall, dass das Buch einen Sonderpreis beim Deutschen Jugendbuchpreis bekam, habe ich es zu danken, dass man sich beim Verlag in immense Unkosten stürzte und den Grünfilter rausnahm. Seitdem lebt der kleine Wassermann fidel dahin und macht seinen Weg.

... und zwar gut, nach wie vor.

Ja, toi, toi, toi, ich klopfe auf Holz.

An den Thienemann Verlag gelangen jährlich über 2000 unverlangt eingesandte Manuskripte. Der Anteil an diesen Manuskripten, die veröffentlicht werden können, liegt unter 1% – ein für die meisten also frustrierendes Verhältnis. Was raten Sie jungen Autorinnen und Autoren, die den Drang haben, zu schreiben?

Ich rate Ihnen aus probater Erfahrung: Lernen Sie erst mal einen g’scheiten Beruf! Erst dann nämlich sind Sie ein freier Schriftsteller. Wenn Sie einen Beruf haben, der Sie und Ihre Familie ernährt, können Sie schreiben, was Ihnen am Herzen liegt. Und Sie können auch Rückschläge verkraften. Wenn man das Glück hat, sich mit Büchern durchzusetzen, ist es immer noch möglich, den Brotberuf an den Nagel zu hängen. Apropos Brotberuf! Ich empfehle da, einen tunlichst nicht verwandten Beruf zu wählen, also nicht den des Journalisten oder einen anderen dem Schreiben nahen Beruf. Lehrer ist eine feine Sache, allerdings auch eine schwierige.

Wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken und gleichzeitig aus der Perspektive des Schriftstellers denken: Hat sich die Zielgruppe, für die Sie Ihre Klassiker geschrieben haben, verändert, ist sie zum Beispiel weniger phantasievoll als seinerzeit?

Kinder sind in erster Linie Kinder, auch wenn heute von allen möglichen Seiten versucht wird, ihnen die Kindheit zu nehmen, indem man sie allzu früh mit den unbewältigten Problemen der Erwachsenen konfrontiert, anstatt ihnen Zeit zu lassen, Kinder zu sein. Im Grunde genommen haben sie sich äußerlich zwar sehr stark geändert – denken Sie nur an die Kindermode – aber in ihren seelischen Bedürfnissen sind sie den Kindern von vor siebzig, achtzig Jahren näher, als viele Leute es wahrhaben möchten.

Das heißt, Sie würden sagen, Kinder sind heute genauso phantasievoll wie schon immer?

Mit einer Einschränkung! Sie haben es schwerer, ihre Phantasie zu entwickeln. Dies ist ein Gebiet, auf dem ich ihnen mit meinen Büchern helfen möchte, weil die Kinder heutzutage mit allzu viel Fertigware überschwemmt werden. Zu meiner Zeit als Schulmeister – Sie wissen, auf diese Bezeichnung lege ich Wert –, zu meiner Zeit als Schulmeister kam das Fernsehen auf. Damals konnte ich mit Sicherheit innerhalb von vierzehn Tagen feststellen, wo ein Fernsehgerät ins Haus gekommen war. Erstens waren die Kinder unausgeschlafen und zweitens wird mit den Stereotypen, die das Fernsehen verbreitet, ihre Phantasie sehr stark eingeschränkt. Alle Menschen, die Kinder liebhaben, sollten da gegensteuern, indem sie ihnen ausreichend Gelegenheit verschaffen, ihrer Phantasie freien Raum zu geben, sie spielerisch einzuüben. Ich für mein Teil versuche das mit meinen Büchern.

In diesen Büchern kommen weltbekannte Charaktere vor: Der kleine Wassermann, das kleine Gespenst, die kleine Hexe, der Herr Räuber Hotzenplotz. Welche dieser Figuren liegt Ihnen am nächsten, welche mögen Sie persönlich am meisten?

Das ist die Frage an einen Vater, welches seiner Kinder ihm das liebste sei. Natürlich habe ich ein besonderes Verhältnis zum kleinen Wassermann. Er war mein erstes literarisches Kind, das ich in die Welt entlassen habe. Und ich bin dankbar dafür, dass auch seine Geschwister ihren Weg gemacht haben, selbst der Herr Räuber Hotzenplotz. Zugegeben, er ist zwar ein etwas rauer Geselle, aber ich habe ihn trotzdem gern – wie auch alle anderen meiner Protagonisten.

Welches Buch Ihres Werkes bedeutet Ihnen – unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg – persönlich am meisten?

Jedes. Mit manchen habe ich mich besonders geschunden. Am Krabat habe ich zehn Jahre gearbeitet unter vielen Belastungen. Natürlich steht der mir sehr nahe, aber mir steht auch zum Beispiel unser Hausgeist Rübezahl außerordentlich nahe. Es steckt in jedem der Bücher ein Stück unseres Lebens. Ich sage „unseres“ Lebens, weil immer die Familie, insbesondere meine Frau, da mit eingeschlossen ist, die es ja erdulden musste, wenn der Vater wieder unleidlich war, weil ihm die Arbeit nicht von der Hand ging.

Der Krabat fesselt in jedem Lesealter.

Der Krabat ist ein Lebensbuch.

... und die zehn Jahre Arbeit haben einen makellosen Roman hervorgebracht.

Das ist vielleicht auch noch etwas, was ich loswerden sollte. Es geht niemanden etwas an, wann und wo ich mich womit geschunden habe. Es zählt das Werk und alles andere ist wurscht.

Sie haben sich stets eine deutliche Einflussnahme bei der Programmgestaltung und der Vermarktung Ihres Werkes gesichert. Von welchen Werten und Richtlinien haben Sie sich dabei leiten lassen?

Natürlich haben alle möglichen Leute versucht, sich an den Erfolg meiner Bücher anzuhängen. Ich bin jedoch stets der Meinung gewesen: Warum sollte es von einem Buch unbedingt Zweit- und Drittverwertungen geben, wenn es zu einem erschwinglichen Preis zu haben ist? In der Frage der Buchclubs bin ich inzwischen kompromissbereit, auch bei den Taschenbüchern. Bücher müssen erschwinglich sein. Es war lange Zeit der große Vorteil von Thienemann, dass man die Bücher an der unteren Preisgrenze gehalten hat, bis dann andere Überlegungen Platz gegriffen haben und man schön heftig draufgehauen hat. Im Übrigen bin ich peinlichst darauf bedacht, dass meine Verträge erfüllt werden, die ich mir ja im Lauf der Jahrzehnte erkämpft habe. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn als ich seinerzeit debütierte, da waren Kinderbuchautoren so ungefähr im tiefsten Keller der Literatur angesiedelt, dort, wo gar keine Literatur mehr gemacht wurde. Dass sich dies mit den Jahren grundlegend geändert hat, ist einer Reihe großartiger Publizisten zu verdanken, die nicht müde geworden sind, der Öffentlichkeit klar zu machen: Kinderliteratur ist keine Billigware, auch hier gibt es Werke, die hohen literarischen Ansprüchen genügen. Ich denke da an Frau Barbara Bondy oder an die Gräfin Schönfeldt und nicht zuletzt an Frank Schirrmacher von der FAZ. Im Übrigen bin ich der Meinung: Wer für Kinder schreibt, obliegt seinem literarischen Handwerk unter erschwerten Bedingungen. Außerdem schreibt er für das wichtigste Publikum, das es auf Erden gibt – für die Erwachsenen von morgen.

Es gibt immer wieder das Bestreben auch von erfolgreichen Kinder- und Jugendbuchautoren, etwas für die Belletristik, für die Erwachsenen, zu schreiben.

Das habe ich auch gemacht. Nehmen Sie „Die Flucht nach Ägypten.“ Das war schon eine interessante Sache, abgesehen davon, dass da sehr viel Autobiographisches drinsteckt. Es hat mir auch Vergnügen gemacht, einen Satz mal über zwei Seiten durchzuziehen. Das können Sie Kindern nicht zumuten.

Ich weiß, dass Sie die Geschehnisse in der Buchbranche aktuell und mit Interesse verfolgen. Welche ideellen und strukturellen Veränderungen sehen Sie derzeit und wie beurteilen Sie diese?

Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben, ich habe mich nie um den Markt geschert. Marktbeobachtung ist etwas für Leute, die schnell schreiben. Ich habe mich nie an Trends angehängt, ich habe Trends gesetzt. Was mich allerdings beunruhigt, sind die Bestrebungen, am Urheberrecht zu kratzen.

Welchen guten Rat hätten Sie an einen jungen Verleger – ich gehöre immer noch zu den jungen Verlegern –, der sich um das Kinder- und Jugendbuch bemüht?

Tun Sie es mit Liebe. Und versuchen Sie möglichst, Sie selbst zu bleiben. Vor allem sollten Sie sich vor der Supermarkt-Mentalität hüten. Man muss als Verleger nicht unbedingt alles haben. Als ich zu schreiben anfing, wusste man auch in der Belletristik ziemlich genau, wohin man sich zu wenden hatte, wenn man ein bestimmtes Buch suchte. Heute können Sie in den meisten Verlagen vom Kochbuch bis zum Porno alles kriegen. Alles.

Haben Sie ein Manuskript in der Schublade, von dem ich nichts weiß?

Immer. Herr Willberg, mit dieser Frage berühren Sie etwas Grundsätzliches. Ich habe ja nicht so sehr viele Geschichten geschrieben, weil ich langsam arbeite und sehr selbstkritisch bin. Und ich habe es ein paar Mal erlebt – der Krabat ist ein Schulbeispiel dafür –, dass ich dachte, jetzt bist du über den Berg – und bumms ging es schief. Deswegen rede ich über neue Dinge erst dann, wenn sie wirklich fertig sind. Man kräht nicht über ungelegte Eier, hieß es bei uns daheim. Andere halten es damit anders. Mich interessiert überhaupt nicht, woran andere schreiben. Das Werk zählt erst dann, wenn es fertig ist.

Die Fragen stellte Klaus Willberg, 2003.

 

 

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