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Geschichten-Werkstatt

Wie ein kleiner Engel entstand

Buchautorin Hilde Kähler-Timm im Gespräch über ihr Buch „Der kleinste Engel von allen“, den Zauber von Weihnachten und die Schriftstellerei.

In Ihrem neuen Buch „Der kleinste Engel von allen“ geht es um einen Jungen, der unbeirrbar seinen Weg geht. Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Die Entstehung dieser Geschichte beruhte eher auf einem Zufall. Ich hatte in meiner Schreibwerkstatt den Teilnehmern verschiedene Gedichte zugelost, auf die sie mit einem Text in Lyrik- oder Prosaform in irgendeiner Weise ‚antworten’ sollten. Ich selber zog als Los zufällig das wunderschöne „Rettender Engel“ von Thomas Rosenlöcher:

                                     Er ist der kleinste unter allen Engeln

                                     und auch sein Singen ist nur wie ein Strich.

                                     Doch im Fach Demut hat er eine Fünf.

                                     Fliegt mit den Bienen emsig auf und nieder,

                                     Wenn Glockenläuten streng durch Äste schneit.

                                     Und davon wird sein Kleid kirschblütenweiß.

                                     usw.

Schon mit diesem Gedichtanfang hatte ich einen sehr kleinen Engel vor meinem inneren Auge, einen Jungen mit stoppeligen Haaren, der Jeans und Turnschuhe unter seinem blütenweißen Gewand trägt. Und beim Wort ‚Singen’ sah ich ihn gleich vor einem Engelschor stehen und voller Inbrunst Weihnachtslieder jubilieren, denn im Gedicht kommt ja ‚schneit’ vor.
Wo es einen kleinsten Engel gibt, ist auch der zweitkleinste nicht weit. Dieser nun sollte eine Kontrastfigur sein und wurde ein unansehnliches, ziemlich biestiges Mädchen namens Polly Puttfarken (was im Plattdeutschen bedeutet: Ferkel, das sich in einer Pfütze gewälzt hat).
Der Anfang der Geschichte gefiel meiner Schreibgruppe, ich machte weiter, und durch die spätere Entwicklung zu einer Art ‚Roadmovie’ – der kleinste Engel auf dem Weg zu seinem Kirchenkonzert läuft von Erlebnis zu Erlebnis – kam eine gewisse Spannung in das Geschehen.

 „Der kleinste Engel“ wird am Ende mit der Anwesenheit all derer belohnt, die ihm auf seinem Weg zur Kirche begegnet sind und ihn teilweise auch sehr aufgehalten haben. Gibt es etwas, dass Sie Kindern mit dieser Weihnachtsgeschichte sagen möchten?

Bei allen, denen er auf seinem Weg begegnet, lässt der kleine Engel etwas zurück: bei seinem Vater den Zettel mit der Erinnerung an den Konzert-Beginn, bei Tante Mila die Handschuhe, bei Herrn Kleister ein Stück aus seinem Gewand, bei den Freunden den Fußball, beim Weihnachtsmann die Pelzmütze, bei der Bettlerin den kleinen Tannenbaum. Und alle diese Personen kommen zum Schluss zum Konzert in die Kirche, um ihm seine Sachen zurück zu bringen, womit der Kreis sich schließt.  Aber sie kommen auch, um ihm die Ehre zu erweisen, ihn als kleinsten Engel von allen singen zu hören und ihm damit ihre Freundschaft und Liebe zu zeigen. Das Schönste ist, dass sogar seine Mutter (fast) pünktlich aus der Karibik angereist ist und beide Eltern zusammen erscheinen!  Der kleine Engel genießt für kurze Zeit die Geborgenheit, die ihm sonst bei einem geistig stets abwesenden Vater und einer oft auf Reisen befindlichen Mutter kaum zuteil wird; ein Thema, das ein bisschen unter dem Witz der Geschichte verborgen liegt.
Trotzdem fühlt er sich einen Moment lang wieder sehr einsam auf der Welt, als er aus der Kirche als Erster in die unwirtliche Kälte und die Finsternis hinaus tritt. Da aber wird das Universum für ihn lebendig, denn ein Stern, sein Stern, der ihm schon einmal zugezwinkert hat, blinzelt ihm vom dunklen Himmel aus zu. Es ist wie eine Botschaft, dass dort, ganz weit oben, jemand ihn kennt und auf ihn aufpasst.
Ich hoffe, dass ich jedem kindlichen Leser etwas von dem Gefühl der Weihnachtsfreude und der sicheren Aufgehobenheit in der Welt vermitteln kann, das der kleinste Engel von allen in diesem Augenblick empfindet.

Welchen Zauber hat die Weihnachtszeit für Sie persönlich bereit? Oder: Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung an Weihnachten?

Es hat Spaß gebracht, über einen singenden kleinen Engel zu schreiben, denn man liebt ja immer besonders die Fähigkeiten, die einem nicht in reiche Maße gegeben sind. So gehöre ich selber zu den unverwüstlichen Badewannensängern und habe schon als Kind gern, laut und ziemlich falsch meine Stimme erklingen lassen.
In der Advents- und Weihnachtszeit versammelte sich unsere große Familie mit allen sechs Kindern um das alte, leicht verstimmte Klavier. Mutter schlug in die Tasten, Vater führte mit sicherem Bariton den Chor an, die Großen schmetterten mit, die Mittleren verhaspelten sich im Text und die Kleinste von allen quietschte vergnügt dazwischen, während der Familien-hund Zuflucht hinter dem Sofa suchte. Aus der Röhre des Kachelofens strömte Bratapfelduft und die Kerzen auf dem Adventskranz ließen ihr Wachs in die Tannennadeln tropfen. Und wenn in einer Sangespause vorm Fenster eine Glocke läutete und wir hinausdrängelten und im Schnee eine Schale fanden (sah sie nicht aus wie die in Omas Küchenschrank?), die mit Datteln, Nüssen, Zuckerkringeln und Schokoladenfiguren gefüllt war, dann wussten wir, dass der Weihnachtsmann unsere Lieder gehört hatte und uns bis Heiligabend wahrscheinlich, hoffentlich, wohlwollend im Auge behalten würde.

Sie schreiben schon seit langem Kinder- und Jugendbücher. Wie sind Sie Schriftstellerin geworden?

Zur Welt gekommen bin ich in der Lehrerwohnung einer Schule in einem holsteinischen Dorf, dicht bei den ABC-Büchern und den Tintenfässern und Federhaltern und im schwachen Geruch von Kreide, Schreibgriffeln und Tafellappen. Ob es dem Einfluss dieser Umgebung zuzuschreiben war, dass ich schon mit fünf Jahren die Zeitungspapiereinlagen in meinen Gummistiefeln studierte? Und dass ich wenig später begann, kleine Gedichte und Geschichten aufzuschreiben? Bei sechs Kindern mitsamt ihren Freunden und jeder Menge Tiere in unserem Haus passierte ziemlich viel, woraus man Geschichten machen konnte (und woraus ich, ganz ohne es zu wollen, ab und zu auch heute noch Geschichten mache). Meine Leidenschaft war und ist das Lesen. Gelesen habe ich gierig und unmäßig und alles durcheinander, aber mit Vorliebe nachts beim Schein der Taschenlampe Karl May – im Dunkeln schleichen die Indianer eben am besten an und flackern die Lagerfeuer am hellsten. Nachts mag ich auch jetzt noch am liebsten lesen oder mich an meine Schreibarbeit setzen, und wenn alle schlafen, ist meine Phantasie am wachsten. Weil Bücher und auch Bilder für mich das bedeuten, was für andere Leute vielleicht Autos und Computer sind, habe ich Deutsch und Kunst studiert und bin Bibliothekarin geworden (und nicht Autorennfahrerin oder Internetsurferin). Später habe ich angefangen, selber Bücher zu schreiben. Meine eigenen Kinder sind inzwischen längst erwachsen. Aber durch Kinder und Jugendliche, denen ich beim Verfassen eigener Geschichten und Gedichte helfe, erfahre ich, was heute große und kleine Kinder freut, ärgert, glücklich oder wütend macht. Diese Gefühle versuche ich, durch die Gestaltung der Figuren in meinen Erzählungen lebendig werden zu lassen.

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

Mich inspirieren manchmal eigene Erinnerungen, Erlebnisse, dazu Erzählungen anderer Menschen, Bilder, Bücher, Gerüche, Klänge, Gedichte, wie es bei diesem Text geschah. Dazu kommen die Einflüsse anderer Autoren. Zum Beispiel bin ich ein großer Fan der ‚Grimpel’-Bücher von Clement Freud, und wer diese Geschichten auch liebt, wird unschwer in dem einsamen 'kleinsten Engel' von allen einen kleinen, noch unfertigen Bruder des perfekten Grimpel entdecken.

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