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„Wolkengucken ist auf viele Weisen möglich“

Kinderbuchautorin Martina Baumbach spricht darüber, wie Kinder trauern und wie man ihnen helfen kann, damit umzugehen. Lest hier das Interview zum Buch „Nie mehr Wolkengucken, Opa?“

Liebe Frau Baumbach, ist es schwer über den Tod zu schreiben, vor allem in einem Bilderbuch für kleinere Kinder?

Kinder und Tod, das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Mir war es wichtig, mich Lilli beim Schreiben sehr einfühlsam, aber auch aufrichtig zu nähern. Kleine Kinder wachsen ja normalerweise zunächst  in einer Welt ohne Tod auf. Vielleicht begegnen sie dem Tod das erste Mal, wenn sie eine tote Maus oder einen überfahrenen Igel auf dem Weg finden. Das ist traurig, doch relativ rasch verwindbar. Wenn aber plötzlich ein Familienmitglied fehlt, ist das für kleine Kinder gar nicht zu begreifen. Da ist eine Bezugsperson, die das Kind liebevoll begleitet, ganz wichtig. Ich hoffe, dass unser Buch dabei hilft, gemeinsam über das Unbegreifliche ins Gespräch zu kommen.

Lilli hat ganz verschiedene  und gegensätzliche Gefühle. Wollen Sie Kindern damit zeigen, dass Menschen auf unterschiedliche Weise mit dem Tod umgehen?

Trauer ist ein Prozess und eine gesunde, lebensnotwendige und auch kreative Reaktion. Wir begleiten Lilli, wie sie nach und nach verschiedene Phasen der Trauer und deren Bewältigung  durchlebt und ihr auch Rituale dabei helfen. Zuerst mal spürt Lilli große Verwirrung. Mal ist sie wütend, mal traurig, mal tapfer und dann wieder sehr verwundbar. Ihr Umgang mit Trauer zeigt den Lesern oder Zuhörern, dass verschiedene Reaktionen auf Trauer in Ordnung sein und passen können. Als Lilli zum Beispiel einmal über etwas lachen muss und darüber erschrickt, erfährt sie, dass Trauer aufrichtig bleibt, auch wenn man zwischendurch mal fröhlich ist.

Lilli hat auch viele Fragen und ist unsicher. Erwachsene wissen, dass die Zeit Trauer verändert und abmildert.  Ist das erste Abschiednehmen von einem geliebten Menschen das schwerste?

Kinder empfinden ganz unmittelbar und können sich nicht damit trösten, dass Trauer ein Prozess ist. Wenn der Schmerz jäh und hinterrücks über sie hereinbricht, ist es ganz wichtig, jemanden zu haben, mit dem sie über ihre Fragen reden können. Geschichten und Bilder können dabei helfen, Tod und Trauer zu begreifen. Im Moment des Betrachtens eines Bilderbuchs  geschieht ein Wiedererkennen der eigenen Situation, eine Identifikation. Ich finde es wichtig, Worte und Bilder für seine Gefühle zu haben. Worte und Bilder, die entweder akut helfen können - eben schon beim ersten Betrachten - oder sich in der Erinnerung festsetzen und wachgerufen werden, wenn man sie braucht.

Haben Sie als Kind jemanden zum Wolkengucken gehabt?

Ja, meine Oma. Unermüdlich erzählten wir uns gegenseitig Geschichten. Das war die Welt, die uns verband, sie war nämlich fast blind. Wolkengucken ist eben auf viele Weisen möglich.

 

Das Interview führte Heinke Schöffmann, 2014

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