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Geschichten-Werkstatt

Aus der Werkstatt von Sebastian Meschenmoser

Zum 40-jährigen Jubiläum hat der Künstler Sebastian Meschenmoser sich auf die Reise nach Phnatásien gemacht und „Die unendliche Geschichte“ illustriert. Bei einem Besuch in seiner Werkstatt verrät er uns mehr über seine Interpretation des Werks.

 

Lieber Sebastian, du hast mit der Prachtausgabe von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ einen Text bebildert, der nicht wie sonst bei deinen Büchern aus deiner Feder stammt. Was ist das Besondere an dieser, deiner Ausgabe von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“?
Genaugenommen ist es das vierte Mal, dass ich eine Geschichte, die nicht von mir selbst ist, bebildere. Der größte Unterschied zu den anderen Werken ist wohl der Umfang des Buches. Ich habe für diese Ausgabe 50 großformatige Ölbilder und 138 Zeichnungen erstellt und daran 14 Monate lang gearbeitet. Ich musste mich sehr tief nach Phantasien hineinbegeben und habe viel mehr recherchiert als bei den anderen Projekten.
 

Was bedeutet dir Michael Endes „Die unendliche Geschichte“?
Da ich wie viele andere meiner Generation mit diesem Buch aufgewachsen bin, hat es mir schon immer sehr viel bedeutet. Es ist ein Standardwerk – einerseits phantastische Literatur, andererseits hat es so viele philosophische Elemente und Fragestellungen, die jederzeit und für jeden Menschen aktuell sind. „Die Grenzen Phantasiens liegen im Inneren“. Ich hatte mir schon immer gewünscht, dieses Buch einmal illustrieren zu dürfen und habe mich enorm gefreut und gewundert, dass dies tatsächlich möglich ist.
 

Wie kam es dazu?
Die Idee entstand durch Zufall, als Katharina Ebinger vom Thienemann Verlag im Atelier zu Besuch war, um die Ölbilder zu begutachten, welche ich für „Der Wind in den Weiden“ gemalt hatte. Wir haben über illustrierte Klassiker gesprochen und eher beiläufig hatte ich erwähnt, dass Thienemann ja auch tolle Klassiker hätte, die man illustrieren könne. Beispielsweise „Die unendliche Geschichte“. Dann ging es los ...
 

Wie sieht deine Interpretation aus?
Michael Ende hat diverse bildnerische Zitate und Querverweise verwendet, die ich zu finden versucht habe, um möglichst authentisch das Phantasien zu erschaffen, welches er sich vorgestellt haben mag. Um „Die unendliche Geschichte“ visuell zu interpretieren, musste ich mich also auch mit der Bildwelt auseinandersetzen, welche Ende umgab. Besonders die Surrealisten, die Malereien von Edgar Ende, Endes Vater. Oder Gustave Dorés Illustrationen zu „Orlando Furioso“ von Ludovico Ariosto (ich habe mir hierzu dieselbe Ausgabe von 1890 besorgt, welche Ende auch besaß und mit welcher es unter Umständen sogar aufgewachsen ist). Außerdem habe ich eine Forschungsreise nach Genzano bei Rom unternommen, wo die Geschichte entstanden ist. Dort hat mir Roman Hocke (Endes ehemaliger Lektor und langjähriger Freund, Anm. d. Redaktion) viele Orte gezeigt, die Ende zu seinem Buch inspiriert haben oder tatsächlich darin vorkommen. Michael Ende ist viel gereist und meine Reisen, die mir das Goetheinstitut ermöglicht hat, erweitern das Bildideenspektrum enorm.
 

Welche Orte haben dich hier besonders beeindruckt?
Der Park der Ungeheuer in Bomarzo, Die Totenstadt der Etrusker bei Ceveteri, die Villa Hadriana, die Straße, an der die Schwerkraft nicht richtig funktioniert, den Spiegelsee von Nemi, etc. Michael Ende meinte, dass je irrealer die Geschichte ist, desto realer muss sie illustriert werden, um glaubhaft zu wirken.
 

Welche Motive aus Endes Text waren für dich zwingend?
Michael Ende war eine gewisse „Internationalität“ wichtig – Motive aus dem Geschichtenschatz und der Kultur der gesamten Welt werden in Phantasien vereint. Ich finde besonders bemerkenswert, wie Ende seine Hauptfiguren bestimmt: Jim Knopf ist ein dunkelhäutiger Junge, Momo erinnert an ein obdachloses Romamädchen, Atréju ist ein Indigener und der dicke, ungelenke Bastian verwandelt sich in einen morgenländischen Prinzen. Ende hat als Hauptfiguren immer Minderheiten ausgewählt. Das ist heute immer noch aktuell und wichtig. Ich finde es wichtig, dass sich in den Illustrationen möglichst viele Kulturen und Ethnien wiederfinden. Diese Motive sind wesentlich.
 

Wie bist du an die Visualisierung von Endes Motiven herangegangen? Hat dich ein Bild besonders herausgefordert?
Mein Anspruch war es, möglichst authentisch zu der Vorstellung zu arbeiten, die Ende von der Unendlichen Geschichte hatte und in seine Bildwelt einzutauchen, bzw. mir anzusehen, was er gesehen hat. Da sein Vater Maler war, passte es natürlich gut, ebenfalls Ölbilder für diese Ausgabe anzufertigen. Dazu kommen skizzenhaft anmutende Bleistiftzeichnungen, die sehr schön widerspiegeln, wie Phantasien beim Lesen, durch die Kraft der Fantasie des Lesers, entsteht. Wichtig war mir, die Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, die Ende in die Geschichte eingepflanzt hat. Die Bilder sollten abwechslungsreich sein, dürfen aber nicht Auseinanderfallen.

Ich wollte auch einen möglichst starken Kontrast zum Film darzustellen und dennoch genügend Freiraum für die eigene Vorstellungskraft des Lesers offenhalten. Das Buch bietet unendlich viele Bildideen. Ich habe versucht, möglichst atmosphärische Landschaften hervorzuheben, wobei mir die oben genannte Forschungsreise sehr geholfen hat.

Die kindliche Kaiserin hat mich besonders herausgefordert, da sie für jeden Leser anders aussehen sollte. Ich habe sie deshalb im verlorenen Profil gemalt, sodass noch genug für die eigene Phantasie offen bleibt.
 

Schon in der Originalausgabe haben die Initialen einen besonderen Stellenwert im Gestaltungskonzept. Warum sind sie dir für diese Ausgabe wichtig?
Alle Wörter, alle Sätze und alle Geschichten bestehen aus den 26 Buchstaben. Ende legte hierauf besonderen Wert. Das „Theorem des endlos tippenden Affen“ besagt, dass „ein halbes Dutzend Affen mit Schreibmaschinen in einigen Unendlichkeiten alle Bücher des britischen Museums verfassen würden“. Es ist ein Element der Unendlichkeit, das Ende beschäftigte. Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges fügte hinzu, dass „bereits ein unsterblicher Affe genügen würde“. Diesen Affen treffen wir in der unendlichen Geschichte in der alten Kaiserstadt wieder, so wie wir Borges in der Gestalt von Jor, dem blinden Bergmann im Bergwerk der Bilder antreffen. Die Buchstaben, die ich gezeichnet habe, knüpfen an die Grotesken und mittelalterlichen Buchstabenillustrationen an.
 

Welche Technik/Farben hast du verwendet?
Die farbigen Abbildungen habe ich mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Die Formate sind mit 80x65 und 80x135 cm recht groß, aber dadurch konnte ich detailreicher arbeiten. Die Zeichnungen sind mit Bleistift auf Papier entstanden.
 

Welchen Impetus sollen deine Bilder haben?
Als Kind und Jugendlicher war ich sehr lesefaul. Tatsächlich haben mich illustrierte Bücher sehr zum Lesen angeregt. Die Bilder haben mich neugierig gemacht die Geschichte letztendlich doch zu lesen, um herauszufinden worum es tatsächlich geht. Bei der Unendlichen Geschichte hoffe ich, dass es ähnlich funktioniert. Die Verfilmung ist visuell sehr präsent, so dass viele Menschen denken, sie kennen damit auch das Buch. Daher wollte ich Szenen wie den Geisterzug im Gelichterland, den Säulenwald, Ygramul die Viele, Perellin den Nachtwald, die Wüste der Farben, die alte Kaiserstadt, den blauen Djin und viele andere, sichtbar machen, damit die Menschen beim flüchtigen Durchblättern merken, dass sie die Geschichte eigentlich doch nicht kennen. Ich hoffe, mit meinen Bildern, die Menschen neugierig zu machen, die das Buch nicht kennen und diejenigen, die das Buch vermeintlich kennen, wieder zum Lesen zu bewegen.
 

Michael Endes Anfangsidee zu „Die unendliche Geschichte“ hatte er damals auf einem Zettel notiert: „Ein Junge gerät während des Lesens buchstäblich in eine Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus.“ Wie tief bist du nach Phantásien gereist und ist dir der Rückweg schwergefallen?
Normalerweise höre ich beim Arbeiten gerne Hörspiele. Das war diesmal nicht möglich. Ich konnte nur „Die unendliche Geschichte“ hören, da ich keine anderen Bilder in meinem Kopf zulassen durfte. Ich musste sehr tief nach Phantasien hineinreisen und bin mich immer noch nicht sicher, ob ich schon komplett  zurückgekommen bin.

Buch zum Beitrag

Michael Ende, Sebastian Meschenmoser

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