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Geschichten-Werkstatt

Eine Autorin, die mit ihren Figuren lebt und fühlt

Krimi-Autorin Alice Gabathuler erzählt euch in diesem Interview, wie sie mit ihren Figuren aus Lost Souls Ltd. gemeinsam lacht, weint und warum sie eigentlich Bücher für Jugendliche schreibt.

Ist der Alltag einer Krimi-Autorin genauso spannend wie die Plots Ihrer Bücher?

Nicht immer. Bügeln, Einkaufen, Kochen und Putzen sind – zumindest für mich – eher langweilig bis nervend. Aber es gibt sie, die spannenden, aufregenden Tage. Interviews, Lesungen, interessante Begegnungen, das totale Eintauchen in die Geschichte, die ich gerade schreibe: Das packt und fasziniert mich. Und dann gibt es die ganze reale Gefahr in Form der Deadline. Was für ein wunderbar passendes englisches Wort für Abgabetermin! Je näher er rückt, desto hektischer werden die Tage – da kann es dann schon mal, genau wie bei den Krimis, zu heftigen Adrenalinschüben kommen.

 

Ihre Thriller sind fesselnd und gehen unter die Haut. Gibt es etwas, das Sie bewegt, gerade Jugendthriller zu schreiben? Wie kamen Sie dazu?

Ich denke, meine Bücher gehen unter die Haut, weil ich die Geschichten aus dem Herzen und dem Gefühl heraus schreibe, für und mit den Figuren, die ich für die Geschichten erfinde. Während ich schreibe, bin ich diese Figuren, leide mit ihnen, habe mit ihnen die falschen Ideen, verirre mich mit ihnen und stehe mit ihnen vor den Entscheidungen, die sie fällen müssen. Kürzlich saß ich am Ende von Band 3 der Lost Souls und habe während des Schreibens Rotz und Wasser geheult. Ich musste immer wieder unterbrechen, weil ich den Bildschirm nicht mehr gesehen habe …
Jugendthriller schreibe ich, weil mich diese Altersgruppe fasziniert. Jugendliche Protagonisten empfinden sehr tief, haben häufig noch zu wenig Lebenserfahrung, ihre Gefühle einzuordnen oder mit einer gewissen Distanz und Abgeklärtheit zu sehen. Vor vielen Entscheiden stehen sie zum ersten Mal; sie können auf nichts zurückgreifen, nur auf ihre Gefühle, die sie in die verschiedensten Richtungen ziehen, aber sehr tief gehen. Erwachsene, die vergessen haben, wie das war, als sie jung waren, reden dann von Naivität, von Kitsch, von Unreife, von Drama-machen – aber diese Gefühle sind echt, genauso, wie das Reflektieren darüber. Ich habe sehr großen Respekt vor dieser Altersgruppe, die ihren Weg erst suchen muss, und das inmitten unzähliger innerer Konflikte und in einer Welt, die nicht einfacher geworden ist.
Deshalb stand für mich früh fest, dass ich Jugendbücher schreiben würde – und auch immer schreiben werde. Bei dieser Fülle von Gefühlen, inneren Konflikten und Abgründen gehen die spannenden Figuren und Geschichten nie aus.

Wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zu Jugendlichen? Hören Sie auf das Feedback Ihrer Leser?

Sehr wichtig. Ich mache jedes Jahr zwischen 120 und 150 Lesungen und bin dabei immer dicht an den Jugendlichen dran. Ich erlebe dabei, wie sie auf mich und meine Texte reagieren, wie sie miteinander umgehen, was ihnen wichtig ist, wie sie die Welt sehen.
Mit dem Feedback während des Schreibens ist das so eine Sache. Ich gehöre zur Sorte „Schreiberin im stillen Kämmerlein.“ Ohne Testleser. Weil ich meine Figuren das tun lassen will, was sie (und ich) für richtig finden, ob das nun jemandem gefällt oder nicht. Holt man sich Rückmeldungen ein, will einer eine Figur stärker, der andere genau die gleiche Figur schwächer, der eine will die Liebesgeschichte zurückfahren, der anderen ist sie zu wenig emotional, der eine hätte diese Figur etwas nicht tun lassen, die andere schon, aber anders … und am Ende sitzt man mit jeder Menge widersprüchlichem Feedback da und ist noch weniger klug als zuvor. Das erspare ich mir. Was ich aber sehr mag: Meine Lektorin! Die hält den Finger jeweils sehr treffsicher auf die schwachen Stellen (an dieser Stelle ein Riesenkompliment und ein großes Danke an meine Lost Souls Lektorin!). Und ich mag es, wenn die Jugendlichen an den Lesungen ehrlich und direkt sind.

Was hat Sie explizit auf die Serie „Lost Souls Ltd.“ gebracht, bzw. wie kam diese Idee zustande?

Es gibt zwei Auslöser. Der eine ist ein genereller: Ich gehöre zu jenen Autoren, die über ihre Figuren an die Geschichten kommen. Mir wachsen meine Protagonisten total ans Herz und am Ende eines Buches lasse ich sie extrem ungern los. Normalerweise geht das so weit, dass ich zwischen zwei Büchern drei Monate lang gar nicht schreibe, weil ich mich erst von den „alten“ Figuren verabschieden und mich mit den neuen vertraut machen muss. Eine Serie erlaubt es mir, die gemeinsame Zeit mit meinen Figuren zu verlängern, mich noch tiefer in ihre Lebensgeschichten zu graben. Es war deshalb seit Jahren ein Traum von mir, eine Serie zu schreiben. Erste Ideen dazu hatte ich schon vor langer Zeit.
Der ganz konkrete Auslöser: Ich wollte dead.end.com weiterschreiben. In diesem Buch um Computerspiele sind Jugendliche am Ende Opfer, einige von ihnen traumatisiert, andere körperlich und seelisch schwer verletzt. In dead.end.com spielt eine Untergrundorganisation eine wichtige Rolle, allerdings eine mit erwachsenen Mitgliedern. Am Ende entscheidet einer der jugendliche Protagonisten (Carlos), sich der Organisation anzuschliessen. Seine Geschichte hätte ich gerne weitergesponnen, zusammen mit der Geschichte von Greti, Tessa und Mo. Ich habe das dem Verlag auch vorgeschlagen, aber damals gab es leider keinen Platz für diese Geschichte. Ich habe die Idee trotzdem weitergesponnen, mit anderen Figuren und später noch einmal angeboten.

Musik spielt in Ihrer Serie eine wichtige Rolle. Warum?

Musik war mir immer wichtig. Ich habe für jedes Buch, das ich geschrieben habe, einen Buchsoundtrack. Das ist jeweils ein Song, den ich während der Schreibzeit Tausende von Malen höre. Er bringt mich in die richtige Stimmung, lässt Bilder und Ideen aufkommen, hilft mir, wenn ich feststecke. Untrennbar mit Lost Souls Ltd. verknüpft ist die Band „The Beauty of Gemina“, die mit ihren düsteren Goth-Songs den passenden Soundtrack zu allen vier Bänden liefert. In Band 2 (Black Rain) darf ich einen Song der Gruppe für das Buch verwenden – die Szene, in der Nathan ihn singt, ist eine meiner Lieblingsszenen. Für Blue Blue Eyes brauchte ich ein Lied, das es noch nicht gab, keinen Goth-Song, sondern ein Lied, das an ein melancholisches englisches Volkslied erinnert. Ich habe meinen sehr guten Songwriter-Kollegen Ernst Eggenberger gefragt, ob er mir einen Song schreiben würde. Er hat! Und wie! Gesungen hat das Lied seine musikalische Partnerin Riccarda Vedana, eine Frau mit einer Wahnsinnsstimme. Für mich ist damit ein Traum wahrgeworden. Den Song kann man übrigens anhören, wenn man dem QR-Code am Anfang des Buches folgt.

Wie geht es weiter mit den Lost Souls? Können Sie schon etwas verraten?

Es bleibt düster und es geht weiter um ganz große Gefühle wie Liebe und Hass. Rache und Schuld. Sühne und Vergebung. Die Figuren werden an ihre Grenzen und weit darüber hinaus gebracht. Wie sie damit umgehen, was es aus ihnen macht, welche Konsequenzen ihr Handeln hat – das wird der Inhalt der nächsten drei Bände sein. Band 2 (Black Rain) ist Nathans Buch. Er findet die Liebe seines Lebens und gleichzeitig hat er nach fünf Jahren endlich eine konkrete Spur zum Mörder seiner Schwester. Er muss sich entscheiden zwischen Liebe und Rache. Beides geht nicht, weil Nathan töten muss, wenn er das Versprechen einlösen will, das er seiner ermordeten Schwester an ihrem Grab gegeben hat. In Band 3 (White Sky) begeben sich Nathan und Raix auf eine unmögliche Mission, an deren Ende die Freiheit, das Gefängnis oder der Tod auf Raix wartet. Und in Band 4 (Red Rage), Aydens Buch,  kommt es zum unerbittlichen Finale, bei dem alle Fäden zusammenkommen, Geheimnisse und Identitäten gelüftet werden. Vor allem jedoch finden sich die Lost Souls in Abgründen, aus denen es keinen  Ausweg zu geben scheint, weil ihr großer Gegenspieler sie fest (und sehr gemein) im Griff hat.
Was ich jetzt schon weiß: Ich werde nach diesen vier Bänden in ein tiefes Loch fallen, weil ich mich nach einer intensiven, wunderbaren Zeit auch von diesen Figuren verabschieden muss. Das hatte ich mir blöderweise vorher nicht überlegt: Dass ein Abschied nach vier Bänden noch härter sein könnte als nach einem …Vielleicht fahre ich dann einfach eine Weile auf Nathans Insel, schaue aufs Meer hinaus, denke mir die ganze Truppe zu mir in die Bucht und spinne ihre Geschichten für mich weiter. 

 

Das Interview führte Heinke Schöffmann, 2014

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